vitaMEDICI

4 Persons + Pilot

 

... steht auf unserer Anmeldung, als wir reichlich erhitzt im Onguma Privatreservat ankommen. Soeben erst bin ich gelandet, mit einer Cessna 210, irgendwo in Afrika. Genauer gesagt: am Wendekreis des Steinbocks, im nördlichen Zipfel Namibias. Man kann das Land der unendlichen Weiten auch über staubige Huppelpisten bereisen. Wer's jedoch eilig hat oder etwas besonderes erleben möchte, ist mit dem eigenen Piloten unterwegs - und macht eine Flugsafari. "VitaMedici" hat die Reise für Sie getestet.

Gerti Keller

 

Der junge Pilot dreht und zieht an den vielen Schaltern und Hebeln im Mini-Cockpit. Er hat reichlich zu tun beim Start und wirkt sehr konzentriert, aber nicht nervös. Ich sitze vorne, auf dem Co-Pilotenplatz, und schiele schon mal ängstlich auf die Oil-pressure-Anzeige direkt vor mir. Alles im grünen Bereich! Wir drehen noch eine Runde über Windhoek, wo die Jacaranda-Bäume gerade lila blühen, und fliegen über die Berge in Richtung Savanne. Nach ein paar Minuten entdecke ich ein trockenes Flussbett, was sich bestimmt gut für eine Notlandung eignen würde. Aber nichts deutet darauf hin, dass es gebraucht wird. Wir gleiten über verstreute Farmen und einen See, in dem sich der Himmel spiegelt. Der Motor schnurrt, ich werde müde, bin aber viel zu aufgeregt zum schlafen. Es ist der erste Tag der Flugsafari.

 

Nach 1.5 Stunden erscheint eine grosse helle Salzwüste am Horizont: die Etoscha Pfanne, das Herzstück des gleichnamigen Nationalparks. Gleich nebenan liegt unsere erste Station: das Onguma Privatreservat. Ein Jeep steht zum Abholen bereit. Und schon bei der Fahrt zum Buschhotel entdeckt Guide Eric Löwenspuren auf der sandigen Erde. Zwar teilt ein doppelter Zaun den Nationalpark vom Reservat, aber: "den Elefanten sind die Zäune egal", sagt Eric. Und wenn erstmal ein Durchschlupf da ist, läuft der Rest halt hinterher. Es geht an weissen mannshohen Termitenhügeln vorbei, die wie bizarre Kamine aus der Erde ragen. Eine Abzweigung noch und wir sind da. Mitten in der Wildnis schmiegen sich sieben luxuriöse Chalet Zelte mit Badewanne und Regenwald-Aussendusche ums palmengesäumte Wasserloch. Prompt kommen zwei War- zenschweine vorbei und suhlen sich. Später lässt sich noch eine Herde Gnus blicken und stiebt davon, als die Sonne camparirot die Erde herunterkippt. Und diesen Blick wie auf ein lebendiges Gemälde hat man nicht nur vom Restaurant, sondern auch von der eigenen Veranda aus. Dort wartet am Abend der zauberhafteste Moment dieses Tages auf mich, der ja immer kommt, wenn man nichts mehr erwartet. Gerade das Licht ausgeknipst, höre ich ein glucksendes Geräusch. Ich tappe hinaus, vor mir steht eine Giraffe. Langsam spreizt sie ihre Vorderbeine, beugt vorsichtig die Knie und kann nun endlich ihren langen Hals zum Wasser führen. Angeleuchtet von der Sichel des zunehmenden Mondes, der in diesem Teil der Welt auch noch auf dem Rücken liegt. Ein Bild, das mich in meine Träume begleiten wird, bis in aller Herrgottsfrühe der Wecker klingelt.

 

Denn am nächsten Tag geht’s frühmorgens auf einen Game Drive – wie die Jeep-Pirschfahrten genannt werden – ab in den Nationalpark, der halb so groß wie die Schweiz ist. Wir sehen Zebras beim Sandbad, schlafende Elefanten zwischen silbernen Weißdornbüschen, schwarze Nashörner und eine Gruppe dösender Löwinnen im Schatten unter einem Baum. Nur manchmal hebt eine von ihnen für einen Moment ihren Kopf in die Höhe und schaut uns aus ihren gelben, unbarmherzigen Jägeraugen an. Kein Wunder, dass ich am nächsten Morgen bei all den Eindrücken verschlafe. Aber das macht nichts, denn ein Privat- pilot fliegt nicht alleine los.

 

Nach einer Stunde in der Luft verändert sich die Landschaft erneut. Rote Tafelberge tauchen auf und kugelige Felsen mit denen die Götter Murmeln spielen könnten. Wir landen auf einer winzigen Sandpiste, auf der letzte Woche eine Herde Springböcke stand, wie der Pilot munter erzählt. Macht nichts, das ist eben Abenteuer. Außerdem kann man hier, im Damaraland, in einem der ältesten Bilderbücher der Welt blättern. Das Unesco-Weltkulturerbe von Twyfelfontein ist ein Berg, der mit mehr als 2500 Felsbildern verziert ist: tanzende Antilopen, Löwenpfoten, ein menschlicher Fuß. Uralte Kunstwerke, die vor vielen tausend Jahren von Buschmännern in die Felsbrocken geritzt wurden. Außerdem stromern auf diesem Flecken Erde aktuell 35 Wüstenelefanten durch die Trockenflussbetten. Und die sind recht leicht zu finden. „Sie haben riesige Füße“, erläutert Frederic, der Guide der Mowani Mountain Lodge. Und so muss man nur ihren großen runden Spuren folgen und den nicht minder eindrucksvollen frischen Dunghaufen. Per Allradantrieb durchqueren wir rieselnde Bäche, einen Wald aus dich- tem Schilf und kommen an Sträuchern mit weißen Trompeten- blüten vorbei – und dann stehen sie wirklich vor uns: Neun Ele- fanten mit zwei Jungen und einem Baby. Nur wenige Meter von uns entfernt, zermalmen sie gemütlich das Gestrüpp, man hört das Krachen ganzer Stämme. Nach dem die Kameras ausgeklickt haben, will Frederic ein Picknick in der Nähe aufbauen, obwohl ein Jungbulle auf uns zu hält und dabei mit den Ohren wackelt. „Kein gutes Zeichen“, sagt Frederic, packt flugs wieder ein und fährt um die Kurve. Wie kann man solche Erlebnisse noch steigern? Mit absoluter Ruhe in einem menschenleeren Meer aus Sand und Farben. Doch davon gleich mehr.

 

Nach zwei Tagen verlasse ich das Land der kugeligen Berge und husche mit dem stählernen Moskito – inzwischen ganz relaxt – über die tückische Skelettküste, die sich meist in Nebel hüllt. Vielleicht haben die vielen Schiffsskelette, die an den Riffen strandeten, ihr diesen Namen gegeben, vielleicht waren es aber auch die Knochen der zahlreichen Schiffbrüchigen, die in der großen Einsamkeit aus Wasser und Wüste keine Überlebenschance hatten. Kurz darauf drehen wir landeinwärts und bald öffnet sich das Tor zur Dünenmärchenwelt. Langsam faltet sich der Sand unter uns zu einer aprikosenfarbigen Wellenlandschaft auf und ich schwebe über die Sossusvlei, die zu den höchsten Dünen der Welt zählt. Dahinter liegt unser letzter Stopp: Wolwedans im NamibRand Naturreservat.

 

Dieses Privatreservat wurde vor 20 Jahren als Non-Profit- Organisation gegründet, um die damals durch Landwirtschaft bedrohte Natur zu schützen und der schwarzen Bevölkerung Arbeitsplätze und Ausbildung zu verschaffen. Mittlerweile ist es auf vier luxuriöse Lodges angewachsen, die auf Holzstelzen ruhen, damit der Treibsand unter ihnen weiter wandern kann. Und die Wüstenköche, die dort brutzeln, werden in der eigenen Kochschule ausgebildet. Wir sind in der neusten Lodge untergebracht: dem Boulders Camp, das, weitere 45 (!) Jeep-Kilometer südlich gelegen, höchstens acht Gästen einen mystischen Platz am Fuß eines mächtigen Felsenareals bietet. Und dort ist man dann endgültig abgeschnitten von der Welt. Keine SMS will rausgehen, für den Notfall gibt es ein Satellitentelefon, dafür wohnen die Paviane im Berg um die Ecke. Und spätestens hier sollte man nicht vergessen, sich Zeit für die stillen Momente zu nehmen – und einfach mal auf den Planken der Terrasse verweilen und sehen, wie das späte Licht des Tages das knochentrockene, gelbe Steppengras mit einem silbernen Schleier überzieht, während ein smaragdgrüner Gecko vorbeihuscht und der warme Wind eine Ahnung von der Weite der afrikanischen Landschaft mit sich trägt. Das ist Afrika!