Mercedes Benz Classic

01 2010

 

Auf Safari

 

2700 Kilometer quer durch Namibia, von den Elefantenherden der Etoscha-Pfanne zu den höchsten Dünen der Welt in der Namib- Wüste: Herman van Wyk und Henie Champion reisen mit einem 220 S von 1959 durch Landschaften wie von einem anderen Stern.

 

Die Stille ist überall. Sie legt sich nachts über die unberührte Landschaft, in der sich nichts zu regen scheint. Selbst die Zikaden haben ihr abendliches Konzert beendet, Nur ab und an streicht der Wind sanft über die Zeltplanen des Chalets. Ein kurzes Flattern, dann ertönt wieder kein Laut. Es ist derart ruhig, dass man aufwacht und irritiert nachschaut, ob da draussen wirklich nichts ist. Doch das Einzige, was sich in diesem Moment bewegt, ist die Sternschnuppe aus der am Himmei leuchtenden, galaktisch funkelnden Diamantenkollektion.

 

Ein fremdes, menschenleeres Land ist dieses Namibia, voller Wüsten und Dünen, voller Berge und Canyons. Mit Herden von Giraffen und Springbocken und Antilopen in den Savannen und dazu den legendären ,,Big Five", Elefanten und Nashörnern, Löwen, Leoparden und Büffeln. Tagsüber verteilen sie sich im Busch, um sich abends zum Sonnenuntergang am Wasserloch wieder zu treffen. Stundenlang kann man von einer entlegenen Lodge zur nächsten reisen, ohne auf der bis zum flimmernden Horizont geradeaus führenden Staubpiste einem anderen Fahrzeug zu begegnen - mehr als zweimal so gross wie Deutschland ist Namibia und hat trotzdem nur knapp zwei Mlllionen Einwohner. Wer die Weite des afrikanischen Südwestens wirklich begreifen, die Szenerien wirklich als realen Panoramafilm erfahren will, sollte sich also Zeit lassen.

 

Herman van Wyk und sein Reisegefährte Hentie Champion nehmen sich zehn Tage, um Mercedes-Benz Classic einige Highlights ihres Landes zu zeigen - stilvoll in einem hellblauen 220 S von 1959. Es ist kein Zufall, dass der in Namibias Hauptstadt Windhuk lebende pensionierte Verleger van Wyk gerade dieses Schmuckstück aus der Ponton-Baureihe besitzt: ,,Mein Vater hatte früher einen Laden in der Kleinstadt Okahandja und versorgte die in der Umgebung lebenden Farmer mit allem, was sie für ihre Arbeit brauchten. 1959 kaufte er sich dann einen 220 S, und wir waren oft gemeinsam damit unterwegs." Die metallic-grüne Ponton Limousine bewährte sich auf den Schotterpisten des Landes - geteert, so erinnert sich der 71 jährige schmunzelnd, war damals gerade einmal die Hauptstrasse von Windhuk: ,,Nur mit einem Mercedes konnte man die lan- gen Strecken sicher und bequem zurücklegen - andere Fahrzeuge, selbst Jeeps, blieben früher oder später immer liegen."

 

So ist es kein Wunder, dass Herman van Wyk ein Faible für Automobile mit Stern entwickelte. Als sein Vater spdter nach Südafrika zog, wurde der Ponton allerdings verkauft, und seine Spur verlor sich. Um der alten Zeiten willen begann Herman van Wyk einige Jahre später mit der Suche nach einem ähnlichen Fahrzeug - es musste unbedingt ein 220 S von 1959 sein, und die waren damals wie heute in Namlbia nicht leicht aufzutreiben. Als er schliesslich vor gut 25 Jahren auf ein zum Verkauf stehendes Auto in Südafrika stiess, fackelte der Unternehmer nicht lange und erwarb es sofort

Modell und Jahr stimmten nämlich, nur die Farbe passte nicht. Seither führt der umtriebige Namibier das Schmuckstück seiner Garage regelmässig bei Ausfahrten des Old Wheelers Club aus. Im Schnitt kommen so gut 250 Kilometer im Jahr zusammen. Für Mercedes-Benz Classic machte der Mann mit dem trockenen Humor allerdings eine Ausnahme 2.700 Kilometer weit fuhren er und sein alter Freund Hentie Champion, von der Tierwelt des Etosha Nationalparks im Norden bis zu den Dünen der Namib im Süden.

 

,,Das von Gott im Zorn erschaffene Land" nannten die ersten europäischen Siedler Namibia, erschreckt von der Wildheit der Umgebung und dem stets allgegenwartigen Wassermangel Namibia ist das trockenste afrikanische Land südlich der Sahara. Doch Steppe, Busch und Wüste leben, das wird spätestens im Etosha Nationalpark klar, einer riesigen Ebene voller Salz und Kalk, mit Busch und Wasserlöchern sowie der Etosha-Pfanne selbst, einem ehemaligen See. Dauerhaft hat der Mensch hier keinen Platz. Immerhin darf er in der Zeit zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang mit dem eigenen Auto unterwegs sein - wenn er es, wie die Ranger am Von Lindequist-Gate warnen, nicht verlässt und den Tieren nicht zu nahe kommt. Die sind indes nicht informiert und fiihlen sich keineswegs immer an das Abstands-Gebot gebunden... Im Gebüsch raschelt und knackt es. Man reckt den Hals, sucht im dichten Grün nach der Ursache. Dann schiebt sich ein grauer Koloss ins Blld, und plötzlich steht ein kapitaler Elefant vor dem auf einer Schotterpiste wartenden 220 S. In aller Ruhe nimmt er eine Staubdusche, um seine empfindliche Haut vor Parasiten zu schützen, und zieht nach einem Abschieds-Trompetenstoss weiter. Nicht alle tierischen Auftrltte sind so spektakulär, doch zu sehen gibt es genug: Giraffen und Zebras, Gnus, Impalas und Springböcke erspäht man zu Dutzenden - und im Brackwasser der Pfanne feuerrote Flamingos. Weil im Etosha Nationalpark nur noch selten Wilderer ihr Unwesen treiben und schon lange nicht mehr regulär gejagt wird, haben sich die Tiere an Menschen gewöhnt. Der vorhandene Lebensraum wird ihnen jedoch langsam zu eng, weshalb es mehrere Initiativen gibt, den Nationalpark auszuweiten.

 

,,Wenn wir eines Tages die Zäune des Parks einreissen und den Nationalpark dadurch um unser Areal und weitere Flächen erweitern könnten, dann würde das Wild wieder seinen alten Wanderwegen folgen", sinniert Andre Louw, Besitzer der an das Reservat angrenzenden ehemaligen 0nguma-Farm. Auf 20.000 Hektar weideten hier früher Rinder, und die in ganz Namibia berühmt-berüchtigten ,,Löwenjäger von 0nguma" konnten dramatische Geschichten von ihrem Kampf mit den Wildkatzen erzählen. Heute arbeitet Louw daran, die Landschaft in ihren Urzustand zuriickzuversetzen: ,,Mehr als 30 verschiedene Steppentierarten sind inzwischen wie der heimisch geworden, und Raubtiere wie Löwen, Leoparden und Geparden gehen auf die Jagd." Sogar einer Famille der bedrohten Spitzmaulnashörner schmeckt das Gras im Busch.

 

Finanziert wird die Wiederansiedlungsaktion von den Besuchern, die im angrenzenden Etosha Nationalpark oder auf Onguma selbst auf Safari gehen und dann hier übernachten - vom einfachen Zeltplatz über ein luxuriöses Safari-Camp bis zu den Suiten im orientalisch angehauchten Wüsten-Fort gibt es fur jedes Budget einen Schlafplatz. In dieser Hinsicht macht auch der Name der ehemaligen Farm Sinn: Onguma heisst in der Herero-Sprache ,,Platz, den man nicht wieder verlassen möchte".

 

Herman van Wyk will seinen Gästen aber noch eine ganz andere Seite von Namibia zeigen und steuert gen Süden. Ein Besuch im Geparden-Schutzprojekt von 0konjima steht an, denn so nahe wie hier kommt man den scheuen Tieren nur selten. Hinter Windhuk und nach einer Aufstockung der Vorräte an Biltong jenem Trockenfleisch, ohne das kein Namibier auf Safari gehen würde biegt der 71-Jährige nach rechts von der geteerten NationalstraBe B1 ab. Für die nächsten Tage gibt es im Südwesten nur noch Sand und Schotterpisten. Und grandiose Aussichten, so vom Spreetshogte-Pass, dessen 22 prozentigen Abstieg von den Rantbergen aus die Bremsen des 220 S ohne Murren meistern. Vorbei an runzeligen Köcherbäumen geht es hinunter in die Ebene, und in der Ferne leuchten schon die Dünen der Namib-Wüste. Noch ein Stopp in Solitaire, das nur aus ein paar Häusern und Zapfsäulen besteht sowie aus einer einsamen Bäckerei mit dem leckersten Apfelkuchen Namibias. Und schliesslich, zum Sonnenuntergang, ist das Ziel erreicht.

 

Die Namib beginnt fliessend. Erst die Wellen des Atlantiks, dann der weite Sandstrand, schliesslich das wogende Land der Wüste. Dünen, so weit das Auge reicht, sternförmig mit kantigen Spitzen oder nebeneinandergeschichtet wie aufgeschüttelte Daunenkissen. Eine Farbpalette aus rot, orange und gelb leuchtendem Sand, ergänzt durch das Grün und Braun der Gräser in den Dünentälern. Auch hier ist es die Weite, die Besucher anzieht. Oder in die Luft gehen lässt: Unweit von Sossusvlei startet die deutsche Pilotin Astrid Gerhard jeden Morgen mit dem Heissluftballon, um die älteste Wüste der Welt aus der Vogelperspektive zu betrachten. So kann man auch die geheimnisvollen Feenkreise am besten erkennen, runde, bis zu zwölf Meter grosse kahle Stellen im Gras, die zu Tausenden die Savanne am Rande des Sandmeers perforieren. ,,Vielleicht liegt es an den Termiten", vermutet die Wahl Namibianerin, die das Staunen über die Landschaft immer noch nicht verlernt hat. Andere vermuten hinter dem Phenomen geomagnetische Felder, Meteoriteneinschläge, oder eben tanzende Feen. Doch die Namib hütet ihre Geheimnisse - plausibel ist das Phänomen noch nicht erklärt. Für 500 Namibia-Dollar, knapp 45 Euro, kann man einen Feenkreis adoptieren und bekommt dafür nicht nur die genaue GPS-Position, sondern unterstützt auch die Erhaltung des Namib Rand Nature Reserve. lnitiator ist Stephan Bruckner, dessen Vater Albi in den 1980erJahren damit begann, die Zäune zwischen den Farmen der Region abzubauen und ein Naturschutzgebiet zu schaffen. Mit 170.000 Hektar Fläche ist es inzwischen mehr als doppelt so gross wie Berlin. ,,Jeder Gast hat hier zehn Millionen Ouadratmeter für sich alleine", sagt Stephan Brückner, der die auf Stelzen gebauten Chalets der Wolwedans Dunes Lodge konzipiert hat. Das warme Wasser für die Dusche liefern Solarzellen, einen Stromanschluss gibt es nicht. Und wer zu Fuss zur Rezeption gehen will, braucht "zwei Stunden. Doch bei geöffneten Segeltuchwänden kann man hier ohne aufzustehen vom Bett aus die Landschaft und die völlige Ruhe geniessen. Auch Einsamkeir kann Luxus sein.