Madame März 2007 No.3

 

WEITE. LICHT. FARBE.

 

"Von Zeit zu Zeit braucht jeder Mensch ein wenig Wüste", sagte einmal der Entdeckungsreisende Sven Hedin. Namibia gibt einem das. Und noch viel mehr

von Stefan Nink

 

 

Man mag uns vieles nachsagen können: Dass unsere neuen Khakihosen bei der kleinsten Regung verdächtig rascheln zum Beispiel. Dass gelegentlich einer von uns niesen muss und irgendwem irgendwann der Deckel seiner Videokamera runterfällt. Oder dass je- mand unkontrolliert nach einer dieser Motten schlägt, die uns umkreisen wie die Monde den Jupiter. Mag man uns alles nachsagen können - nicht aber, dass wir keine Ausdauer hätten. Seit Stunden sitzen wir mucksmäuschenstill in tiefster namibischer Nacht und lassen das Wasserloch vor uns keine Sekunde aus den Augen. Sitzen da und warten auf ihn, den König der Tiere. Sitzen da und warten auf den Löwen.

 

Wir sind eine verschworene Gemeinschaft. Kein Gast der Lodge ist nach dem Abendessen ins Bett gegangen, niemand hat dem Himmelbett unterm Moskitonetz der Nacht unter den Sternen den Vorzug gegeben. Alle sind sie gekommen. Einer hat sogar ein grosses Pappschild dabei, auf das er in grossen Lettern ,,Lion" geschrieben hat - man weiss ja nie, was hilft. Vor allem nicht an diesem scheinwerferbeleuchteten Wasserloch mitten in der Etosha-Pfanne, einem der grössten Tierreservate im südlichen Afrika. Der Abend hat sich schon gelohnt: Die Giraffen waren bereits da, die Zebras, Hyänen. Und zwei Nashornbullen. Die rupften zuerst friedlich am Gestripp herum, was aussah, als würden Bagger Unkaut jäten. Dann kamen sie sich offensichtlich ins Gehege, jedenfalls stiessen sie sich zuerst gegenseitig ihre Hörner in die Hintern und knallten dann schnaubend und grunzend gegeneinander. Irgendjemand flüsterte, dass Nashörner extrem kurzsichtig seien und uns hier in unseren bequemen Korbsesseln im Gegenlicht der Scheinwerfer nicht ausmachen könnten. Irgendjemand entkorkte eine Flasche Wein. Ganz leise natürlich.

 

Namibia lässt einen still werden. Nicht nur an den Wasserlöchern der Etosha- Pfanne, die auch tagsüber an Sammelhaltestellen der Arche Noah erinnern. Auch sonst hat man immer wieder das Gefühl, die grandiose Szenerie dieses Landes nicht durch Geplapper stören zu dürfen. Das fängt schon gleich nach dem Start der Rundreise mit dem Mietwagen an, am Fish River Canyon, südlich von Keetmanshoop. Das ist nach dem Grand Canyon die zweitgrösste Schlucht der Welt. Man steigt aus und läuft an ihren Rand und schaut hinunter und weiss nicht so recht, was man sagen soll. Und das passiert einem dann immer wieder: Stundenlang wandert man am Strand der Skelettküste, spürt den Sand zwischen den Zehen und die Gischt auf der Haut und sinniert über den Überresten der gestrandeten Schiffe, die der Region ihren Namen gaben. Man steht ehrfürchtig vor der Spitzkoppe (die aussieht wie jene Berge, für die wir im Zeichenunterricht in der Schule eine Fünf und die Bemerkung ,,So sieht kein richtiger Berg aus" kassiert haben) und fragt sich, welche Götterhand so ein pyramidenförmiges Ungetüm aus karmesinroten Platten und Brocken aufgetürmt haben mag.

 

Am Ende der ersten Woche in Namibia verbringt man dann ein komplettes Dinner schweigend wie ein altes Ehepaar auf der Terrasse der Wolwedans Dunes Lodge am Rande der Wüste. Atmet den betäubend schweren Duft der Akazien ein und schaut zu, wie der Vollmond aufgeht und sich die Konturen der Wüste gegen die afrikanische Nacht abzugrenzen beginnen. Manchmal lässt Namibia einen völlig verstummen. Manchmal macht Namibia sprachlos. Beim Abstecher zu seiner Namensgeberin beispielsweise, der Namib, der ältesten Wiiste der Welt. Etwa 80 Kilometer kann man in diesen gewaltigen Sandkasten hineinfahren, dann muss man parken und zu Fuss weiter. Die Leitung des Namib-Naukluft-Parks erlaubt das, weil sie genau weiss, dass kaum ein Besucher über die erste Düne hinauskommen wird. Ist einfach zu anstrengend. Augenblicklich versinkt man bis zum Schienbein im Sand. Zieht das Bein heraus und rutscht zwei Meter zuriick. Schafft mit viel Schwung vier Schritte am Stück. Am Kamm der ersten bezwungenen Düne seines Lebens lässt man sich in den weichen Sand fallen, der sich wie Mehl anfühlt, so fein ist er. Im Licht der untergehenden Sonne liegt die Namib da, als sei sie ein Geschenk des Farbengottes an die Postkartenindustrie. Eine Oryx-Antilope schaut heriiber, die Hrirner wie Antennen nach oben gerichtet. Links krabbelt ein Käfer und hinterlässt eine Tippelspur, die der sanfte, warme Wind augenblicklich verweht. Am Himmel erscheinen die ersten Sterne. Wenn es stimmt, dass vieles in den Sternen geschrieben steht, dann kann man in Namibias Firmament kom- plette Romane lesen. ,,Als ob ein Sieb über die Welt gestülpt sei", hat Laurens van der Post diesen Himmel iiber der Wüste beschrieben. Schlagartig wird einem bewusst, wie weit weg von allem man hier sein kann: vom Stress im Büro, vom Suchen nach dem Parkplatz, vom Schlangestehen im Supermarkt. Bloss die ruhelos durch die Nacht ziehenden Satelliten erinnern daran, dass man nicht allein auf der Welt ist.

 

Um diesem Himmel näher zu kommen, klettern wir am nächsten Morgen in einen Bastkorb und heben ab. Der Kapitän des Heissluftballons heisst Michel, ist Franzose und auf seiner Gott-weiss-wievielten Ballonfahrt immer noch so begeistert wie beim ersten Mal. Was für ein Panorama ist das auch! In langen Schwingungen hingeschmeichelt wälzt sich das Dünenmeer dem Horizont entgegen. Umbra, Zinnober, Ockergelb, so weit das Auge reicht, ein Land mit wie aus Leder gefalteten Hügeln, zwischen deren messerscharfen Rückgraten sich Ströme von Sand wälzen. In den mauvefarbenen Schatten tief unter uns hüpft eine Handvoll schwarzer Bälle: Strausse, deren Federn wie Ballettröcke um die tanzenden Beine wippen. Nach der sanften Landung: Champagner-Frühstück, mitten in der Unendlichkeit. Michel hat knusprig frisches Baguette dabei, dazu Shrimps auf Eis, und eine kleine Espressokanne zaubert er auch noch aus seinem Ballonkorb hervor. Dann erzählt er von der Wüste. Dass sie keinesfalls leer sei, hätten wir gesehen. Und dass sie immer grösser werde, könnten wir uns in Städten wie Swakopmund anschauen: Dort müssten die Menschen an manchen Tagen den Sand aus ihren Vorgärten schaufeln, weil man sonst die Gartenzwerge nicht mehr erkennen könne. Was er als Franzose - Pardon! - sehr amüsant fände. Gartenzwerge in Afrika: In Swakopmund, das von den Pranken der Namib umklammert am Rande des Kontinents liegt, kann man sie überall in den Vorgärten stehen sehen. Wenn nicht gerade Nebel ist. Und morgens ist es immer neblig - was am Aufeinandertreffen der slch erwärmenden Luft über dem Kontinent mit der kühlen Strömung vor der Küste liegt (und Swakopmund die Atmosphäre eines - ja, doch! - Nordseebades verleiht). Die Hotels servieren das Frühstück trotzdem gerne auf den Terrassen. Dort kann man sitzen und zusehen, wie es Tag wird in Afrika. Wie das mild-milchige Licht des Morgens heranschleicht und das Architektur-Potpourri aus Märchenschlosszinnen und prachtigen Art- deco-Fassaden der Herrenhäuser weckt. Als die ersten Sonnenstrahlen durch die Zuckerwattewolken dringen, sieht man Delfine, die ausgelassen in der Bucht vor dem Hotel spielen.

 

Auch Liideritz im Süden sieht ein wenig aus wie Büsum zur Kaiserzeit. Der nach einem Bremer Kaufmann benannte Hafen war Ausgangspunkt der deutschen Kolonialisierung. Man spricht Deutsch in Liideritz: Auf den Speisekarten wird ,,Schmorbraten gutbürgerlich" angepriesen, die ,,Allgemeine Zeitung" verkündet die Hochzeit von Wanda und Friedebert, und MTV steht fiir Männer- Turnverein. Diamanten haben Lüderitz reich gemacht, Diamanten waren der Stoff, aus dem die Träume vieler waren, die Ende des vorletzten Jahrhunderts nach Deutsch-Südwest kamen. In Orten wie der verlassenen Minenstadt Kolmanskop künden in Zeitlupe verfallene Bauten von einer glitzernden Vergangenheit, in der das Glück im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strasse lag: Es gab Zeiten in Kolmanskop, da musste man sich bloss bücken, um steinreich zu werden. Heute spielt der kühle Atlantikwind mit den zerfallenden Prachtfassaden der Geisterstadt, treibt den Sand durch Ritzen und zerbrochene Fenster- scheiben. In manchen Gebäuden sind die Verwehungen so hoch, dass man den Kopf einziehen muss.

 

Die Strasse landeinwärts liegt da bis zum Horizont, ein schwarzer Streifen auf goldgelbem Grundd. Namibia besitzt das beste Strassennetz des Kontinents. Strassen, die sich pfeilgerade durch die Ebenen ziehen. Strassen, die sich in lang gezogenen Kurven durch rote Sandstein- Landschaften schlängeln. Namibia mit dem Auto kann deshalb wie Kino sein, ein Roadmovie, dessen Darsteller und Kulissen ständig wechseln - man muss nur darauf achten, an jeder Tankstelle aufzufüllen. Auf den Landkarten sind sie deshalb wie Grosstdädte eingezeichnet, die Tankstellen. Ausserdem tragen sie verführerische Namen, die ein Vorbeifahren unmöglich machen: Wer schlägt schon einen Bogen um einen Ort namens Solitaire? Moose konnte das auch nicht. Moose ist Schotte und irgendwann an dieser Wegkreuzung hängen geblieben, becirct von Leere, Licht und Farbenspiel. Jetzt ist Moose Tankwart. Und Bäcker - wenn das Auto satt ist, serviert er frischen Marmorkuchen mit starkem, schwarzem Kaffee. Eine kleine Lodge managt er auch noch. Und wenn er zwischendrin Zeit hat, fängt Moose Schlan-

gen. Zuzeit grübelt er darüber nach, ob er ein ,,Rent-a-Snake" aufmachen soll: Werbeflmer und Modefotografen leihen sich seine Sammlung gerne für Shootings in den Dünen aus. Fotografen haben es hier überhaupt leicht. Sie brauchen einfach nur abzu- drücken. Motive muss man nicht gross suchen in Namibia: Sie laufen einem über den Weg. Oder sind einfach da. Die Familie auf dem Eselskarren oben im rotpistigen Damaraland. Die Pavianhorde, die den Obstbaum im Hotelgarten plündert. Die afrikanischen Graffiti an den Hauswänden. Die Pelzrobben am Cape Cross. Die Stachelschweine, die bei ihrer Patrouille abends hinter der Lodge die Blumenkohlreste entdecken, die der Koch fiir sie ausgekippt hat - und sich beim hektischen Fressen anschliessend derart verausgaben, dass sie mit kleinen aufgespiessten Blumenkohlröschen in ihren Stacheln davonwatscheln. Die Basaltformationen bei Twyfelfontein: Orgelpfeifen in der Landschaft. Und die eleganten älteren Damen in ihren frischgestärkten Wilhelminischen Trachten, die sonntagsmorgens die Independence Avenue in Windhoek hinunterschlendern. Überhaupt: Windhoek - hier kommt man an in Namibia, und von hier fliegt man wieder fort. Bevor man das tut, kann man in der Hauptstadt noch wunderbare Souvenirs kaufen. Zum Beispiel in einer der kleinen Galerien, die zeitgenössische Namibische Kunst anbieten: den Leder- und Muschelschmuck der Himba, die hölzernen Gefässe der Owambo. Oder die Modelle aus alten Motoröl Blechdosen, mit denen sich eine Initiative von Strassenkindern ein paar naibia-Dollar verdient: Flugzeuge, Fahrräder und sogar beinahe originalgrosse Löwen.

 

Ach so: Unserer ist am Ende dann wirklich noch zum Wasserloch gekommen. Vielleicht hat er das Pappschild ja doch nicht ignorieren können. Oder er hatte einfach nur Durst. Schlich heran, ganz vorsichtig, schate rechts und links und trank. Das Raunen bei seinem Auftauchen war natürlich sehr sehr leise. Am Horizont dämmerte nämlich schon der rote Schein eines neuen Afrikanischen Tages. Und die meisten waren längst im Bett.